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Haltung und Gehaltensein, oder: Vom Wechselspiel zwischen Charakter und Charisma

Haltung ist leiblich und geistig zu verstehen: Sie gründet auf einer Bewegung gegen die Schwerkraft, gegen das bequem-lässige Ausweichen. Insofern ist sie eine mögliche Übersetzung von Tugend, eben dem Tüchtigen und Tauglichen, dem gut und richtig Zupackenden. Aber einem tieferen Zusehen erschließt sich, daß Haltung und Standfassen auch etwas stark Willentliches an sich tragen, die betonte Selbsterziehung gegen Schwächen und Versuchungen des Abgleitens. Charakter in seinem guten Sinn – nicht nur als Schicksal verstanden – wäre dann die erfolgreich geübte Haltung, sich in der Hand zu haben.

Und doch fehlt daran noch ein Winziges: die Leichtigkeit, das Mühelose des Tuns. In Kleists Aufsatz Über das Marionettentheater liegt die Anmut der Marionette darin, daß sie ihren Schwerpunkt über sich hat. Sie stemmt sich nicht von unten nach oben, sie wird von oben gehalten. Das griechische Wort Charisma heißt Gabe, Gnade, aber auch Anmut, Schönheit, verdichtet zu Charme: Es gibt die große Möglichkeit, das Schwere leicht zu tun, so daß es nach außen nicht auffällt. Haltung laßt sich auch gewinnen aus Gehaltensein: Das heißt, das Spiel der Gnadengaben zulassen, das die eigene Anstrengung nicht außer Kraft setzt, ihr aber die titanische Selbstverwirklichung nimmt. Auch hier gilt: Es gehört zur Größe der Gnade, daß sie unsere Mitwirkung wünscht – aber diese Mitwirkung unerhört beflügelt.

16:00 - 17:00

Hanna Barbara Gerl-Falkovitz

Hanna Barbara Gerl-Falkovitz

 
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